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Wer den alten Orient noch erfahren will, fährt am besten nicht nach Damaskus – hier wurde zu viel zerstört, sondern nach Isfahan oder nach Buchara in Uzbekistan. Uzbekistan in Zentralasien ist etwa so groß wie die Bundesrepublik Deutschland (etwa 1425 km in Ost-Westrichtung und 930 in Nord-Süd-Richtung) und wurde erst durch Stalin im Jahr 1925 als sozialistische Sowjetrepublik durch den Zusammenschluss mehrerer Emirate gebildet, die bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter russischem Einfluss standen. 1991 - nach dem Zusammenbruch der UdSSR – wurde die unabhängige Republik „O’zbekiston Respublikasi“ ins Leben gerufen, internationale Abkürzung Uz, es muss also Uzbekistan heißen und nicht Usbekistan, wie im Deutschen üblich. Heute zählt die Republik knapp 28 Millionen Einwohner, Tendenz steigend, denn Uzbekistan ist ein ausgesprochen junger Staat: 17 Millionen (knapp 65 %) sind unter 30 davon 10 Millionen unter 18.

Es handelt sich um einen Vielvölkerstaat: zwar gehören gut 70 % dem Turkvolk der Uzbeken an, in der Hauptstadt Taschkent und in den südöstliche Landesteilen leben noch Russen (ca. 5 %), um Buchara und Samarkand stellen die Tadschiken (5 %) einen erheblichen Anteil der Bevölkerung, die sowohl Tadschikisch (Persisch) als auch Uzbekisch sprechen. Weitere größere Ethnien stellen die Karakalpaken, Kasachen und Tartaren. Eine Besonderheit stellen Einwohner koreanischer Herkunft da, die in zwei Migrationswellen ins Land kamen und etwa 2,5 % Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen. In Buchara spielten einst jüdische Juweliere eine wichtige Rolle, die meisten Familien sind jedoch in den letzten beiden Jahrzehnten in die USA ausgewandert.

Was macht Uzbekistan für einen Medizinhistoriker interessant? Die Region um Buchara und Samarkand ist ein altes Kulturland. In der Antike kam es unter Darius I. unter persische Herrschaft, mit Alexander dem Großen wurde Uzbekistan Teil der Landschaft Baktrien. Für mehr als 300 Jahre war das Land unter hellenistischem Einfluss. Kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung erlangte die Region, weil bereits im Altertum die Seidenstraße durch die Städte Kokand (Ferghanatal), Samarkand und Buchara verlief. Um 750 setzte sich durch den Arabersturm der Islam als wichtigste Religion in dieser Region durch. Von 819 bis 1005 herrschten die Samaniden, eine Dynastie persischer Abstammung, die als Emire in Buchara regierten. Gegen Ende ihrer Herrschaft wurde Abu Ali Ibn Sina (Avicenna), der berühmteste Arzt des Mittealters um das Jahr 980 in Afsana bei Buchara geboren. Ab 1005 übernahmen turkstämmige Fürsten das Land, die als Khane regierten. Nach einer sehr stürmischen Periode im 12. und 13. Jahrhundert, so kamen 1220 die Mongolen ins Land, konnte der äußerste brutale aber kunstsinnige Tyrann Timur Lenk (oder Amir Timur) 1370 als Emir die Region stabilisieren. Sein Reich griff bis nach Nordindien aus. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts übernahmen schließlich die Uzbeken die Macht. Seit dem frühen 18. Jahrhundert wurde das Land durch drei Machtzentren beherrscht: durch die Khanate Shiva (Xiwa) im Westen und Kokand im Osten, sowie das Emirat Buchara. Aus ihnen bildete Stalin hauptsächlich die Sowjetrepublik Uzbekistan.

Trotz der äußerst abwechslungsreichen Geschichte hat sich in Uzbekistan altes Wissen und Kulturgut erhalten. Persische, griechische, indische und chinesische Einflüsse führten zu einer einzigartigen Melanche, die sich auch im medizinischen Bereich bemerkbar macht. Das alte heilkundliche Wissen droht jedoch auszusterben. So war es das Ziel einer Exkursion im Frühjahr 2005, das Wissen und die Traditionen zu dokumentieren, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen. Idee und Anstoß zu dieser Exkursion kam von Peter Schönborn (Monaco), dem Präsidenten von Amonbe, einer internationalen Gesellschaft, deren Ziel die Bewahrung von traditionellem Wissen in Bereich Kosmetik und Wellness ist, wobei ein besonderer Wert auf die Erhaltung des Anbaus der entsprechenden Pflanzen gelegt wird (weitere Informationen unter http://amonbe.org).


Reisebericht

Wer zum ersten Mal durch die Straßen der Zweimillionen Metropole Taschkent läuft, gewinnt schnell den Eindruck in ein riesiges Jugendlager gelangt zu sein, ältere Menschen fallen in dem jugendlichen Gewühl kaum auf. Breite, mehrspurige Straßen werden von modernen Häusern gesäumt, doch hin und wieder weidet eine Kuh oder eine Ziege am Straßenrand. Nach der Atmosphäre des alten Orients sucht man hier jedoch vergebens, nahezu die gesamte Altstadt wurde durch ein Erdbeben im Jahr 1966 zerstört. Allerdings findet sich auch hier Interesse an der traditionellen Kleidung der Region, teilweise verbunden mit heutiger Mode. Zwei Studentinnen der Universität, Narissa und Adlana führen gern die Kleidung aus einer Sammlung einer Designerin bei einem alten Mausoleum, eines der wenigen historischen Gebäude der Stadt, vor.

Zusammen mit Jonghir und Schachruch machen wir uns bald auf den Weg nach Buchara. Jonghir arbeitet für ein Reiseunternehmen. Er wurde uns von einem uzbekischen Geschäftsmann empfohlen. Er übernahm die Organisation und fungierte als Dolmetscher. Schachruch ist eigentlich noch Student der Wirtschaftswissenschaft in Taschkent. Nebenbei betreibt er ein kleines Unternehmen, das Individualreisende durchs Land führt. Dazu unterhält er drei geländegängige Fahrzeuge (Nissan Patrol) und vier PKWs mit Fahrern. Bei dieser Fahrt will er jedoch persönlich dabei sein, weil er diese Expedition selbst sehr spannend findet. Da beide leidlich Englisch sprechen, ist die Kommunikation kein Problem.

Wenige Kilometer außerhalb von Taschkent nimmt die Autobahn eine Gestalt an, die jedem Berlinreisenden vor der Wende noch vertraut sein dürfte: Die Teerdecke ist an vielen Stellen aufgerissen, nicht selten tritt der blanke Schotter hervor. Auf der Standspur mühen sich Eselskarren in beide Richtungen! Uzbekistan besitzt ein extrem kontinentales Klima, kaum ein anderes Land ist soweit von einem der Weltmeere entfernt. Im Sommer kann der Termometer auf über 40 Grad ansteigen, im Winter erreicht die Temperatur ähnlich Minusgrade. Diesem Stress hält keine Teermischung stand. Obwohl Schachruch ständig zwischen den Fahrbahnen wechselt, um den schlimmsten Schlaglöchern auszuweichen – bei dem geringen Verkehr ist das kein Problem - kommen wir nach gut 400 km völlig durchgeschüttelt am späten Abend in Buchara an.

Gleich am frühen Morgen des nächsten Tages durchstreifen wir die völlig friedliche Stadt und besuchen die Moschee und die danebenliegende Koranschule (Medresse). Hier tragen viele noch die traditionelle Kleidung, in den oft unbefestigten und autofreien Gassen treibt der Wind den Staub vor sich her. Wären hier nicht die Stromleitungen, man könnte sich wirklich in die Zeit von 1001 Nacht versetzt fühlen. Auf der Suche nach kompetenten Ansprechpartnern werden wir schnell fündig. An einem der ersten Stände in dem kleinen Basar der Stadt, die immerhin etwa 230.000 Einwohner hat, preist uns der Händler ein altes kosmetisches Mittel an, das in seiner Familie schon seit vielen Generationen hergestellt wird. Dazu werden Rosenblätter und Safran mit Honigzucker eingekocht und destilliert. Ein wohlschmeckender Tee wird aus Kardamon, Anis, Minze und Rose zubereitet.

Im Zentrum der Altstadt befindet sich ein kleiner künstlich angelegter See, auf dem sich die Enten jagen. Rings herum kann man unter schattigen Bäumen sitzen und in kleinen Restaurants speisen oder auch nur einen Tee oder ein kühles Bier bestellen. Obwohl Uzbekistan ganz vorwiegend moslemisch ist, wird überall Alkohol ausgeschenkt, wohl ein Vermächtnis der russischen Herrschaft. Hier kann man die bereits sehr heißen Tage gut ausklingen lassen, immerhin haben wir erst den 17. April.

Die eine Seite des Platzes wird von einer alten Medresse begrenzt, die heute als Basar dient. Auf dem Innenhof bieten Tanz- und Musikgruppen historische Tänze.
Am nächsten Tag treffen wir Farhard, der ein Reiseunternehmen besitzt und sich für die Erhaltung der traditionellen Kultur einsetzt. Er besitzt in der Altstadt ein kleines romantisches Hotel, das einer Karawanserei nachempfunden ist. Er zeigt uns einen wunderschönen Patrizier-Palast, den die Familie als Museum gestiftet hat. Die Wände des Innenhofes sind überall mit Blumenranken verziert und auch die einzelnen Zimmer sind jeweils mit Blüten einer Pflanze geschmückt. Ich identifiziere Rose, Pfingstrose, Clematis, Tulpe und Lilie. Auch hier gibt es eine große Sammlung traditioneller Gewänder der Region, die auch vom Personal des Museums getragen werden.

Durch die Vermittlung Farhards können wir am Folgetag den alten Haman, das Frauenbad besuchen. Es ist am Dienstag geschlossen, deshalb können Männer ausnahmsweise das Bad besichtigen. Nach einem großen Umkleideraum gelangt man in ein Gewirr von kleinen gewölbten Räumen, je weiter man hingeht umso wärmer wird es, bis man schließlich zu dem Raum mit dem Ofen gelangt. Obwohl es diesem Tag nicht beheizt ist, herrscht eine schwüle Hitze vor. Die Kameralinsen sind sofort beschlagen, deshalb lassen sich hier keine Aufnahmen machen. Die beiden Frauen, die den Hamam leiten, eine davon besitzt nur Goldzähne, was in ganz Zentralsein als besonders schön gilt, geben bereitwillig Auskunft über die verschiedenen Massagen und Mittel, die im Frauenbad – eigentlich eine Frauensauna – angewendet werden. Sie haben sich seit der Zeit der Emire von Buchara nicht geändert. So werden immer noch Masken aus Honig, Joghurt und Dill hergestellt oder aus Zimt und Joghurt.

In einem Dorf bei Buchara konnten wir mit der letzten Haremsdame von Buchara sprechen, sie war über 90 Jahre alt und bereits vom Tod gezeichnet. Ihre Enkelin vervollständigte ihre kurzen Berichte, aber dies ist eine eigene Geschichte.

Von dort aus fahren wir nach Afsana dem Geburtsort Abu Ali Ibn Sinas, hier wurde in der Sowjetzeit ein Avicenna-Museum erbaut und die russische Direktorin ist bereit uns persönlich durch ihr Haus zu führen. Insgesamt sind wir enttäuscht, es handelt sich im Grunde um ein medizinhistorisches Museum, das alte Gerätschaften zeigt, von der wahren Bedeutung Avicennas erfährt man kaum etwas, schließlich war er nicht nur Arzt sondern auch Philosoph und Politiker gewesen. Das Beste ist ein von Anthropologen erstelltes Porträt, das gleich in der Eingangshalle zu sehen ist.

Unser nächstes Ziel ist Termiz, ganz im Süden, direkt an der Grenze zu Afghanistan gelegen. Hier sind auch deutsche Soldaten stationiert, die den Nachschub für die Nato-Truppen in Afghanistan organisieren. Es geht lange durch nahezu menschenleeres Gebirge. Mitten in der Einsamkeit kommt plötzlich eine Grenzstation. Die Region um Termiz ist ein Sondergebiet, man braucht ein eigens Visum, um hier weiter zu kommen, zum Glück hat Jonghir alles bestens vorbereitet. Direkt am Stadtrand werden wir noch einmal kontrolliert. Die Stadt Termiz hat optisch kaum etwas zu bieten, von der Altstadt ist nichts mehr erhalten, nur etwas außerhalb stehen die Ruinen einer alten Sommerresidenz. Aber hier hat die UNESCO ein wunderbares modernes Museum über die Geschichte der Region errichtet. Erstaunlich sind vielen hochwertigen Exponate aus der griechischen Periode, von hier aus ist Alexander der Große Richtung Indien aufgebrochen.

In Termiz treffen wir den Deutschlehrer Akmal Sohibov, er unterrichtet an der Universität deutsche Sprache. Das germanistische Institut hat an die 2000 Studenten. Akmal erwies sich als Glückfall. Er hat uns noch Wochen später mit ausgezeichneten Informationen über die Traditionelle Kosmetik und Heilkunde versorgt.

Über Shahrisabz geht es schließlich Richtung Samarkand. In Shahrisabz verblüffen die Ruinen des riesigen Weißen Palastes, den Timur hier im 15. Jh. errichten ließ. Es stehen eigentlich nur noch die Überreste des Eingangsbereiches, allein die beiden Torflügel haben Kirchturmgröße.

Samarkand, eine Großstadt mit über 360 000 Einwohnern, ist berühmt durch den imposanten Platz der drei Medressen. Die zahlreichen historischen Mausoleen, Timur ist hier begraben, und Moscheen stehen aber recht einsam zwischen modernen Gebäuden. Selbst der große Bazar ist eine riesige moderne Halle, die den Charme eines Großbaumarktes verströmt. Dennoch finden wir hier Händler, die sehr interessante Produkte anbieten. Der Aufenthalt in der Stadt ist überhaupt sehr ergiebig: die Universitätsbibliothek und das Orientalische Seminar besitzen zahlreiche medizinische Handschriften, die uns gern gezeigt werden. Auch das große Institut für Geschichte der Naturwissenschaften besitzt mittelalterliche Kodizes, ich kann unter anderem ein Exemplar das ‚Canon medicinae‘, das medizinische Hauptwerk Avicennas aus dem Jahr 1309 studieren.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Taschkent brechen wir in das äußerst fruchtbare Ferghanatal auf, um die alte Residenzstadt Kokand zu besuchen. Das Ferghanatal ist eine völlig flache Tiefebene von über 300 km Länge und gut 100 km breit. Es ist fast völlig von Hochgebirgen umschlossen, die bis weit ins Frühjahr hinein vom Schnee bedeckt sind, so dass die Flüsse hier immer ausreihend Wasser haben, um eine intensive Landwirtschaft zu gewährleisten. Um die Stadt Ferghana herum hat sich ein großes Industriegebiet entwickelt, in dem u.a. auch Autos hergestellt werden.

Die dörfliche Umgebung von Kokand ist völlig in sattes Grün gehüllt, selbst die Häuser sind an der Frontseite von Weinreben bedeckt. Es wimmelt außerdem geradezu von Störchen. Auf einem alten Mast einer Hochspannungsleitung zähle ich fünf Storchennester. In Kokand kam man den Palast des Khans besichtigen, ein eher bescheidener Gebäudekomplex, der erst 1871 vollendet worden ist. Wunderbar ist jedoch die Jummi-Moschee, deren Dach von 89 herrlich verzierten Holzsäulen getragen wird.

Das Ferghanatal besitzt die älteste Seidenwebertradition außerhalb Chinas. Eine chinesische Prinzessin, die dorthin verheiratet wurde, hatte Seidenraupen in ihrem Gepäck mitgebracht, besser gesagt: geschmuggelt, denn auf der Ausfuhr von Seidenraupen stand in China die Todesstrafe. Wir besuchen einen Weber, der noch in der traditionellen Art unter einfachsten Bedingungen arbeitet.

Zurück in Taschkent wird es in den letzten Tagen des April fürchterlich heiß. Einen Besuch im Botanischen Garten müssen wir abbrechen, weil es selbst unseren einheimischen Freunden Schachruch und Jonghir unerträglich wird.
Voll von Materialien und Eindrücken fliegen wir zurück nach Europa. Die in Uzbekistan gesammelten Informationen machen einen wesentlichen Anteil am „Canon der Kosmetik“ aus, der weit über 1000 Rezepturen zur Behandlung von Haut und Haaren umfasst.

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