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Coffein und auch Teein, bekanntlich zwei von der Formel her identische Substanzen, wurden noch in der jüngeren Vergangenheit sehr ambivalent beurteilt. Sie gelten entweder als dehydrierendes Teufelszeug, oder als lebensverlängernde Vitalstoffe, die sogar das Risiko für das Auftreten bestimmter Tumorarten vermindern können. Jüngeren Untersuchungen zufolge überwiegen vor allem hinsichtlich von Kaffee und Grüntee die positiven Einschätzungen.
 
Was hat aber der große Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) mit diesem Stoff zu tun? Von der Profession her Minister mit verschieden Resorts im Fürstentum Weimar, vom Hauptinteresse Naturwissenschaftler, vom Talent her Dichter, so seine eigene Einschätzung, gab er den Anstoß für die Entdeckung des Coffeins.
 
Die Initialzündung dafür war das Zusammentreffen Goethes mit Friedlieb Ferdinand Runge (1795-1867). Der gebürtige Hamburger besuchte zunächst nur die Grundschule und durchlief dann bei seinem Onkel in der Ratsapotheke von Lübeck eine Lehre. Die Berufsausbildung zum Apotheker war zu dieser Zeit noch nicht akademisch. Sehr experimentierfreudig entdeckte er dabei die pupillenerweiternde Wirkung des Bilsenkrautes, allerdings nicht als erster. Ohne eine höhere Schulbildung genossen zu haben, konnte er ab 1816 in Berlin das Studium der Medizin beginnen. Ein Vorgang, der für das 18. und beginnende 19. Jahrhundert nicht ganz ungewöhnlich ist. Zwei Jahre später wechselte er nach Göttingen, wo er auch Vorlesungen in Chemie bei Friedrich Stromeyer (1776-1835) besuchte, der eines der ersten Unterrichtslaboratorien in Deutschland aufgebaut hatte. Nach nur einem Semester wechselt er nach Jena, wo er 1819 zum Dr. med. promoviert wurde.
 
An dieser Universität des Fürstentums Weimar arbeitete er bei Johann Wolfgang Döbereiner (1780-1849), der eine noch spektakulärere Karriere als Runge durchlaufen hatte. Als Sohn eines Kutschers besuchte er ebenfalls nur die Grundschule und absolvierte eine Ausbildung zum Apotheker. Aufgrund seiner autodidaktisch erworbenen Kenntnisse in Chemie, Botanik und Mineralogie erhielt er 1810 schließlich eine Professur an der Universität Jena. Dobereiner stellte Runge dem Geheimrat Goethe vor, der sowohl von Amts wegen als auch auf Grund seines persönlichen Interesses einer der wichtigsten Förderer der Universität war.
 
Bei diesem Zusammentreffen empfahl Goethe dem jungen Mediziner die Untersuchung der Kaffeebohne. So entdeckte Runge noch 1819 das Coffein, ein Alkaloid aus der Gruppe der Xanthine. Nach der Entdeckung des Morphins als Wirkstoff des Opiums durch den Apothekergehilfen Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783-1841) in den Jahren 1804/05 standen die Alkaloide im Zentrum der medizinisch-pharmazeutischen Forschung der Zeit.
 
Noch im selben Jahr (1819) gelang Runge auch die Isolierung von reinem Chinin aus der Chinarinde. Chinarinde, die Rinde des Baumes Cinchona pubescens, der im Hochwald der Anden (Venezuela bis Bolivien) beheimatet ist, wurde bereits seit 1638 gegen Malaria eingesetzt, nachdem der Arzt de Vega die Gattin des Vizekönigs Luis Jerónimo de Cabrera von der heimtückischen Krankheit heilen konnte. Weil sich die Jesuiten um die Verbreitung des Mittels bemühten, hieß das Mittel auch Jesuitenrinde oder Jesuitenpulver.
 
Von der Wissenschaftsgeschichte wird die erstmalige Isolierung von reinem Chinin durch Friedlieb Ferdinand Runge weitgehend ignoriert und den Franzosen Bertrand Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou zugesprochen. Diesen gelang die Extraktion des Chinins mit Alkohol allerdings erst 1820, also ein Jahr später - wobei Chinin in einem unreinen Zustand bereits 1792 durch Antoine François de Fourcroy gewonnen wurde.
 
Runge fand 1822 wiederum als erster das Purpurin, den Farbstoff des Färber-Krapps (Rubia tinctorum). Der Krapp ist eines der ältesten Färbermittel der Menschheit, die Wurzel der Pflanze wurde auch lange Zeit in der Heilkunde gegen Blutarmut (wohl wegen der stark rötlichen Färbung), Rachitis, Gicht und Erkrankungen der Harnwege, vor allem Nieren- und Blasensteinen, genutzt.
 
Hildegard von Bingen empfiehlt „Rizza“ (rubea) übrigens gegen Fieber, insbesondere auch Malaria (Physica, 1. Buch, Kapitel 165), allerdings ist die Identifizierung von „Rizza“ mit dem Färber-Krapp nicht ganz sicher.
 
Auch diese Entdeckung wird Runge nicht zugesprochen, sondern Pierre Jean Robiquet und Jean Jacques Colin, die ihre Arbeit aber erst 1827 veröffentlichten.
 
Durch die Untersuchung eines weiteren Farbstoffs, nämlich des Indigos, erlangte Runge an der Universität Berlin den Doktorgrad der Philosophie und habilitierte sich noch 1822.
 
Auf einer ausgiebigen Studienreise von 1823-26 lernte er Justus Liebig und Alexander von Humboldt in Paris kennen und besuchte Chemie-Fabriken in England. Danach lehrte er an der Universität Breslau und wurde schließlich 1832 technischer Direktor der „Chemischen Produktfabrik Oranienburg“, die dem preußischen Staat gehörte. Hier widmete er sich der Untersuchung des Steinkohleteers und entdeckte 1833 das Phenol und 1834 das Anilin, das er nach dem griechischen Wort für blau „Kyanol“ nannte, da Anilin mit Chlorkalk eine Blaufärbung ergibt. Anilin ist die Ausgangssubstanz für synthetisches Indigo, das für die Herstellung der Blue Jeans durch Levi Strauss (1829-1902) – US-Patent 139121 von 1873 - unerlässlich wurde.
 
Der kaufmännische Direktor der „Chemischen Produktfabrik Oranienburg“, Cochius erkannte jedoch das große Potential der Entdeckungen Runges nicht und entließ ihn 1852, nachdem er 1850 die Firma gekauft hatte. Runge starb verarmt und vergessen 1867 in Oranienburg.
 
Hauptquelle: Claus Priesner: "Chemie. Eine illustrierte Geschichte." WBG Darmstadt 2015, S. 173f.

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