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Das Internet und gerade Facebook sind ein regelrechtes Schlaraffenland für die Vermarkter von fragwürdigen Nahrungsergänzungsmitteln. Kaum eine Facebook-Gruppe zu Heilpflanzen, Naturheilkunde oder der sg. "Alternativmedizin" wird nicht täglich von Werbelinks oder fingierten Frage-Antwort-Spielen zu Produkten überschwemmt, die per Multilevel-Marketing vertrieben werden.

Hinzu kommen die vielen kommerziellen Seiten, die mit reißerischen Schlagzeilen Besucher anlocken ("XY hilft 10.000 Mal besser als Chemotherapie!") und dann im eigenen Webshop oder per Affiliate-Links ebenso fragwürdige Produkte bewerben. Per Affiliate-Link lassen sich Umsatzbeteiligungen von bis zu 10 Prozent erwirtschaften.



Der Verbraucher ist oft von der Informationsfülle überfordert, in Untersuchungen stellt sich immer wieder heraus, dass Internetnutzer nicht ausreichend Werbung von Nachrichten differenzieren können. Eine Stanford-Studie kam bspw. kürzlich zum Ergebnis, dass Jugendliche in den USA zu 80 Prozent nicht über die nötige Medienkompetenz verfügen. In Großbritannien brachte eine Untersuchung 2015 ein sehr ähnliches Ergebnis hervor:
http://t3n.de/news/news-werbung-internet-unterscheiden-jugendliche-769460/

Nach den Erfahrungen, die wir in den letzten mehr als sechs Jahren auf Facebook gemacht haben, müssen wir leider annehmen, dass dies nicht nur Jugendliche betrifft.

Hinzu kommt, dass Marketingleute gerne auf Basis weniger wissenschaftlicher Fakten ein regelrechtes Lügengebäude auftürmen, welches von medizinischen Laien kaum als solches entlarvt werden kann. So werden bspw. tatsächlich interessante Arzneipflanzen wie Aloe, Cannabis, Ingwer oder Kurkuma, die derzeit allesamt intensiv beforscht werden, als Wundermittel gegen eine Vielzahl von schweren Erkrankungen vermarktet.

Die Verbraucherzentralen warnen schon lange vor diesen Machenschaften:
http://www.vzhh.de/ernaehrung/308714/verkauf-statt-aufklaerung.aspx
http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/verbraucherschuetzer-warnen-vor-ernaehrungsberatung-im-internet-a-906416.html

Doch um was geht es eigentlich bei Nahrungsergänzungsmitteln?
Rein rechtlich sind das Lebensmittel, die überhaupt keine arzneiliche Wirkung besitzen dürfen. In der EU ist das über die  Richtlinie 2002/46/EG geregelt:
http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32002L0046

Werbeaussagen wiederum regelt die Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 (Health Claims):
http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:02006R1924-20121129

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sind also keinesfalls mit registrierten und zugelassenen Arzneimittel zu verwechseln, die rechtlich ganz anders geregelt sind und auch viel strengere Auflagen (u. a. hinsichtlich Wirkung, Unbedenklichkeit, Dokumentation der Herstellung) erfüllen müssen. Auch an freiverkäufliche ("over the counter", OTC) Arzneimittel, ob nun pflanzlich oder nicht, werden weitaus höhere Ansprüche gestellt als an NEM.

So muss bspw. ein Präparat mit einem Johanniskrautextrakt, welches als Arzneimittel in der Apotheke angeboten wird, ganz andere Anforderungen erfüllen, als ein Johanniskrautprodukt in der Drogerie. Im Nahrungsergänzungsmittel ist nur ein Bruchteil der Wirkstoffe Hypericin und Hyperforin gegenüber dem Arzneimittel zu finden, eine arzneiliche Wirkung so nicht zu erwarten. Teils müsste man eine ganze Packung des NEM zu sich nehmen, um den Wirkstoffgehalt einer einzigen Tablette aus einem Apothekenpräparat zu erhalten. Solche Präparate zielen also eher auf einen Placebo-Effekt ab.

Bei ausgewogener Ernährung braucht kein gesunder Mensch Nahrungsergänzungsmittel. Einzige Ausnahme ist Folsäure in der Schwangerschaft, da so das Risiko eines offenen Rückens beim Kind stark reduziert werden kann. Die Einnahme von NEM kann jedoch durchaus sinnvoll sein, wenn ein entsprechender Mangel an bestimmten Vitaminen oder Mineralstoffen diagnostiziert wurde. Aber auch hier sollte erst einmal die eigene Ernährungsweise kritisch betrachtet werden. Oftmals lassen sich durch eine leichte Umstellung der Ernährung diese Unterversorgungen sehr einfach ausgleichen.

Im Falle einer schweren Erkrankung, etwa eines Tumors, kann die Supplementierung von Mineralstoffen wie Magnesium oder Calcium den positiven Verlauf der Therapie begünstigen. Dies sollte aber nach entsprechender Diagnose durch einen seriösen Therapeuten erfolgen und nicht eigenmächtig. Für solche Fälle stehen geprüfte Präparate bereit, von Angeboten im Internet sollte man auch hier die Finger lassen.

Die Verbraucherzentralen haben einige vor allem über das Internet angebotene NEM kritisch unter die Lupe genommen und die Ergebnisse aufbereitet. Stellvertretend seien genannt:

Aloe:
https://www.verbraucherzentrale.de/aloe-vera

Himalaya-Salz:
https://www.verbraucherzentrale.de/himalaya-salz

Vitamin D:
https://www.verbraucherzentrale.de/vitamin-D

Informieren Sie sich bitte in unkommerziellen Quellen über Nutzen und Risiken der Anwendung von NEM, hinterfragen Sie vollmundige Heilversprechungen kritisch und lassen Sie sich nicht von windigen Geschäftsleuten das Geld aus der Tasche ziehen!

Abbildung:
Links ist eine Karrikatur aus dem 19. Jh. zu sehen, die vor den damals vermarkteten "Vegetable Universal Pills" von James Morison (1770–1840) warnt. Das angebliche Wundermittel bestand u. a. aus Gummiharz.
Rechts ist eine moderne Satire zu sehen.

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