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Zur "Renaissance der Naturheilkunde" schreibt Heinrich Schipperges 1991 folgende Zeilen:
"Unter den so vielfältigen Richtungen einer 'Ganzheitsmedizin' begegnet uns in vorderster Front die 'Naturheilkunde', ein ganz alter, aber auch modisch verwaschener Begriff, der um so mehr einer möglichst differenzierten Klärung bedarf, als darin bereits die beiden fundamentalen Leitbilder jeder Heilkunst enthalten sind: die 'Natur' und das 'Heilen'.

Da wäre in erster Linie die 'Naturgemäße Heilkunde', die sich der Heilkräfte der Natur anvertraut, deutlich abzugrenzen gegen die 'Naturgemäßen Heilverfahren', die sich physikalisch-therapeutischer Methoden bedienen, und diese wiederum von der 'Naturgemäßen Lebensweise', die auf eine ganzheitlich stilisierte Daseinsform aus ist. Alle diese Strömungen begegnen uns wiederum in der 'Erfahrungsheilkunde', und sie alle fußen auch auf den Erfahrungen der älteren 'Volksmedizin', die man wiederum eindeutiger abgrenzen sollte gegen die 'Außenseiter-Methoden'. Die meisten der Außenseiter-Methoden aber fallen gänzlich aus dem Bereich wissenschaftlich nachprüfbarer oder empirisch erfahrbarer Heilkunst heraus, so die Iris-Diagnostik, die Radiästhesie, die Magnetfeldtherapie und ähnliche Verfahren.

Die moderne Naturheilkunde ist bemüht, sich erneut den beiden fundamentalen Grundbegriffen der älteren Heilkunde zu stellen: dem Begriff der Natur und dem Begriff des Heilens. Natürliche Heilverfahren galten auf dieser Basis zu allen Zeiten als Grundlage der Therapie, als Regulierung gesunder Lebensweise; sie waren und bleiben das Fundament der Medizin. Über die Jahrtausende hinweg war denn auch die Heilkunst in ihrer Theorie eine Naturheilkunde, die sich auf die Lehre von der Gesundheit als einer natürlichen Lebensweise stützte, und in der Praxis ein Naturheilverfahren, das sich der natürlichen Heilkräfte der Welt da draußen zu bedienen verstand.

Mit dem Begriff der 'Natur' haben wir somit ein Urphänomen und eine Grundgesetzlichkeit vor uns, die überall und zu allen Zeiten gleichermaßen zur Verhütung wie zur Heilung von Krankheiten zur Verfügung stand. Der Arzt fühlte sich innerhalb dieses Ordnungssystems legitimiert; er verstand sich als Verwalter der Naturkraft, jener umfassenden Heilkraft, die auf Ausgleich der Missstände und Harmonisierung aller Missstimmigkeiten aus ist. Unter solchen Voraussetzungen bildete die Natur-Heilkunde das wesentliche Element des ärztlichen Eingreifens überhaupt: Immer ist es die Natur, die einer Stilisierung und Kultivierung bedarf und die bei Abweichungen und Entgleisungen korrigiert und saniert werden kann."
(aus: "Medizin an der Jahrtausendwende: Fakten, Trends, Optionen." Verlag Josef Knecht, Frankfurt 1991. S. 312f.)

In "Geschichte der Medizin in Schlaglichtern" (1990) schreibt er:
"Die Naturheilkunde bediente sich seit jeher der Heilkraft der Natur, ohne freilich diese Natur jemals zureichend erklärt zu haben. Der Begriff Natur kann augenscheinlich nur sinnvoll angewendet werden, wenn man ihn von Gegensätzen her erläutert. So grenzt sich Natur ab gegen den Geist, der die Bereiche des natürlichen Lebens überragt, gegen die Kultur, welche eine Wirklichkeit über den Naturzustand hinaus erst schafft, und auch gegen das Übernatürliche, das die Teilnahme geschaffener Naturen an einer höheren Ordnung ermöglicht. Im gleichen Sinne sprechen wir von Natur und Kunst, Natur und Sitte, Natur und Geschichte.

Darüber hinaus kennen wir ein Naturgefühl und ein Naturerlebnis, die Naturdichtung und die Naturweisheit, eine Naturkraft und Naturmystik. Wir gebrauchen Bilder wie 'Buch der Natur', 'Puls der Natur', 'Sprache der Natur'. Mit allem verbunden ist die 'Natur des Menschen', unsere physiologische Konstitution ('res naturales'), die zu ihrer Erhaltung und Wiederherstellung eines heilenden Prinzips ('res non naturales') bedarf. Die Natur des Menschen umfasst somit sowohl die Anlage als auch die Motive seiner Entfaltung und Reifung."
(aus: "Geschichte der Medizin in Schlaglichtern." Meyers Lexikonverlag, Mannheim 1990. S. 301)