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Am 18. November findet zum neunten Mal der jährlich vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) initiierte europäische Antibiotikatag statt. Im Fokus dieses Aktionstages steht die Aufklärung über einen verantwortungsvollen Umgang mit antimikrobiellen Chemotherapeutika (Antibiotika) und die Sensibilisierung für die Entstehung von Antibiotika-Resistenzen. Er richtet sich sowohl an Ärzte als auch an Patienten.

Der Mikrobiologe, Infektiologe und Hygieniker Prof. Uwe Frank von der Universität Heidelberg verweist in einem aktuellen Interview auf eine neue Eurobarometer-Umfrage der Europäischen Kommission: Demnach wissen nur 44 Prozent der Deutschen, dass Antibiotika gegenüber Viren unwirksam sind. Rund 45 Prozent glauben, Antibiotika wirken gegen Viren, 11 Prozent machen keine Angabe. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der befragten Deutschen denkt irrtümlicherweise, dass Antibiotika wirksame Mittel gegen Viruserkrankungen wie Grippe und Erkältungen sind. Laut Umfrage unterscheiden sich die Deutschen in ihrem Wissensstand nicht wesentlich vom EU-Durchschnitt. So nennt das ECDC Zahlen, die ebenfalls das vorherrschende Unwissen über Antibiotika auf europäischer Ebene unterstreichen: Ein Sechstel aller Europäer weiß demnach nicht, dass der Missbrauch von Antibiotika diese weniger effektiv macht, einem Drittel ist unbekannt, dass Antibiotika Nebenwirkungen haben können und etwa jedem zweiten Europäer ist nicht bewusst, dass Antibiotika bei Erkältungen unwirksam sind.


Kapuzinerkresse und Meerrettich als pflanzliche Alternative zu antimikrobiellen Chemotherapeutika (Antibiotika).

Prof. Frank sieht in pflanzlichen Wirkstoffen interessante Alternativen zu antimikrobiellen Chemotherapeutika (Antibiotika) und erforscht dazu schon seit geraumer Zeit Arzneipflanzen wie Kapuzinerkresse und Meerrettich sowie Oregano, Senf, Thymian und Salbei. Auf seine Initiative hin wählte der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg die Große Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) zur Arzneipflanze des Jahres 2013. Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich wirken entzündungshemmend, antibakteriell und bekämpfen aktuellen Laboruntersuchungen zufolge ebenfalls Viren. Resistenzen hingegen sind bislang keine bekannt.
Weitere vielversprechende Forschungsobjekte lassen sich auch in der Medizingeschichte finden: Dass dort noch zahlreiche interessante Heilmittel auf ihre moderne Erforschung warten, ist der Fachwelt nicht erst seit dem Nobelpreis im vergangenen Jahr bekannt, als die Chinesin Youyou Tu die begehrte Auszeichnung für die Erforschung von Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß (Artemisia annua) zur Behandlung von Malaria erhielt. So wurde bereits vor mehr als einem Jahrzehnt einem Rezept aus dem ‚Lorscher Arzneibuch‘, entstanden zwischen 790 und 795 und heute Weltdokumentenerbe der UNESCO, zumindest theoretisch eine antibiotische Wirkung attestiert. Es könnte sich also lohnen, in mittelalterlichen Handschriften nach Anregungen für neue Mittel zu suchen.


Blatt 12 verso aus ‚Bald’s Leechbook‘ (Ausschnitt) mit der Rezeptur des in Nottingham untersuchten Heilmittels. Die Sprache ist Angelsächsisch. British Library Royal 12, D xvii.

Ein solches Forschungsprojekt findet sich derzeit an der Universität Nottingham, an dem auch Wissenschaftler der Forschergruppe Klostermedizin der Universität Würzburg beratend beteiligt sind. Die dort untersuchte Rezeptur aus dem 10. Jahrhundert enthält Knoblauch, eine weitere Allium-Art (Zwiebel oder Lauch), Wein, Ochsengalle sowie Messing. In experimentellen Untersuchungen in vitro in Nottingham unter der Leitung von Freya Harrison sowie in vivo an der Texas Tech University durch Rebecca Gabrilska und Kendra P. Rumbaugh konnte eine Wirkung dieses mittelalterlichen Arzneimittels an Stämmen von Staphylococcus aureus gezeigt werden. An der Liverpool School of Tropical Medicine wurde von Alvaro Acosta-Serrano und Lee Haines zudem die Wirkung gegen die Erreger der Leishmaniose (verschiedene Leishmania-Arten) nachgewiesen. Aktuell wird erforscht, wie das historische Rezept zu einem modernen Arzneimittel werden könnte, was jedoch noch einige Zeit und nicht geringe finanzielle Mittel beanspruchen würde.


Die Zutaten (v.l.): Wasser als Kontrolle, Zwiebel, Lauch, Ochsengalle, Wein und Knoblauch. Foto: Freya Harrison.


Publikationen:
Tobias Niedenthal, Johannes Gottfried Mayer, Christina Lee, Alvaro Acosta-Serrano: Eine 1000 Jahre alte Rezeptur gegen multiresistente Keime. Zeitschrift für Phytotherapie 2016; 37(05): 194-196. DOI: 10.1055/s-0042-117694
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0042-117694

Freya Harrison, Aled E. L. Roberts, Rebecca Gabrilska, Kendra P. Rumbaugh, Christina Lee, Stephen P. Diggle: A 1,000-Year-Old Antimicrobial Remedy with Antistaphylococcal Activity. mBio 6(4):e01129-15. DOI: 10.1128/mBio.01129-15
http://mbio.asm.org/content/6/4/e01129-15.full

Interview mit Prof. Dr. med. Uwe Frank:
https://www.pflanzliche-antibiotika.de/Expertentipps/Experten-Interviews/Europaeischer-Antibiotikatag-2016.html

Aktionsseite zum Antibiotikatag:
http://ecdc.europa.eu/de/eaad/Pages/Home.aspx

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