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Heinrich Schipperges hat wie kaum ein anderer Medizinhistoriker die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Seine Forschungen zu Persönlichkeiten wie Hildegard von Bingen oder Ibn Sina (Avicenna) waren grundlegend für das heutige Verständnis der Medizin des Mittelalters. Daneben befasste er sich mit Paracelsus und Virchow sowie Goethe, Novalis und Nietzsche. Immer wieder äußerte er sich kritisch zu verschiedenen Entwicklungen und Auswüchsen der Medizin, nicht zuletzt auch zur sg. "Hildegard-Medizin", die seine Forschungsarbeiten auch heute noch sinnentstellend wiedergibt. Insbesondere mit seinen Studien zur arabischen Medizin des Mittelalters erlangte er internationale Beachtung.

Schipperges wurde kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges am 17. März 1918 in Kleinenbroich am Niederrhein geboren. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft im Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie und Psychologie in Tübingen sowie Medizin, Arabistik und Islamwissenschaft in Bonn. 1951 und 1952 legte er Doktorarbeiten zu Hildegard von Bingen vor, mit denen er zum Dr. med. und Dr. phil. promoviert wurde. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. 1959 folgte die Habilitation im Fach Medizingeschichte mit dem Thema "Die Assimilation der arabischen Medizin durch das lateinische Mittelalter". Von 1961 bis zur Emeritierung 1986 hatte Schipperges den neu eingerichteten Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Uni Heidelberg inne. Das dortige Institut musste er komplett neu aufbauen.

Mit Hildegard von Bingen befasste sich Schipperges bis zuletzt. Zu ihrem 900. Geburtstag 1998 schrieb er:
"Die mittelalterliche Medizin hat aus dem Geiste der 'Regula Benedicti' ein halbes Jahrtausend lang die abendländische Welt zu informieren gewußt und zu kurieren verstanden. Sie hat dabei keine eigene Fachliteratur geschaffen, keine chirurgischen Techniken geliefert, keine Akademien ins Leben gerufen. Sie hat keine großen Ärzte zu feiern. Aber sie hat uns genau das überliefert, was der modernen Heiltechnik bei all ihren Errungenschaften am empfindlichsten fehlt: ein Bild des gesunden und kranken Menschen, die konkreten Wege zu gesunder Lebensführung, eine Kunde auch von des Menschen Heilung und von seinem Heil. Eine faszinierende Zeugin für diese Art von Heilkunst ist die Ärztin Hildegard."
(Man mag an dieser Stelle trefflich streiten, ob man Hildegard als Ärztin bezeichnen sollte, wir würden es im Gegensatz zu Heinrich Schipperges eher nicht tun.)

Zur sg. "Hildegard-Medizin" führte er aus:
"Angesichts der zunehmenden Aktivitäten einer sog. ‚Hildegard-Medizin‘ haben wir festzustellen, dass die naturkundlichen Schriften natürlichen Erfahrungen entstammen und dem Wissensstand der damaligen Zeit entsprechen (...) Die Versuche, eine durchaus berechtigte Naturheilkunde als ‚Hildegard-Medizin‘ in die ärztliche Praxis und in den Bereich der Apotheke zu bringen, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage."

Und zur "Renaissance der Naturheilkunde" schrieb er 1991:
"Unter den so vielfältigen Richtungen einer 'Ganzheitsmedizin' begegnet uns in vorderster Front die 'Naturheilkunde', ein ganz alter, aber auch modisch verwaschener Begriff, der um so mehr einer möglichst differenzierten Klärung bedarf, als darin bereits die beiden fundamentalen Leitbilder jeder Heilkunst enthalten sind: die 'Natur' und das 'Heilen'."

Heinrich Schipperges starb am 10. Mai 2003 in Dossenheim.