XING

Facebook

Twitter

Instagram

Man wundert sich manchmal, warum Mediziner (aber auch Heilpraktiker) so wenig Kenntnisse von Arzneipflanzen haben und diese eher ungern in der Praxis einsetzen. Die Ursachen hierfür sind wohl in der Ausbildung zu suchen, denn dort hören die angehenden Therapeuten so gut wie nichts über diesen Bereich. Phytotherapie wird da eher in Nebensätzen erwähnt und wenn überhaupt, dann oft negativ und falsch.

Konkretes Beispiel sei erneut der Prof. Dr. med. der Uni Mainz in einer Pharmakologie-Vorlesung (Medizin, 6. Semester), den wir bereits in unserem Beitrag zur Salicylsäure bedacht haben:
Präparate mit Baldrian oder Johanniskraut seien "Pseudo-Placebos" zur Behandlung von Schlafstörungen bzw. Depressionen. Placebo deshalb, weil sie keine positive Wirkung hätten und pseudo, weil durchaus negative Wirkungen möglich wären.

Gerade Johanniskraut bzw. die enthaltenen Wirkstoffe Hypericin und Hyperforin haben tatsächlich ein paar unerwünschte Wirkungen und deshalb ist Johanniskraut eine nicht ganz einfache Droge. Problematisch sind vor allem die Wechselwirkungen mit zahlreichen anderen Arzneimitteln (Stichwort: Enzym CYP3A4, über das die meisten lebergängigen Arzneimittel verstoffwechselt werden). Es kann zu wirklich gefährlichen Interaktionen kommen, dafür ist aber eine ziemlich hohe Dosis erforderlich, die eigentlich nur mit apothekenpflichtigen Präparaten erreicht werden kann. Die Photosensibilisierung durch Hypericin wird häufig überschätzt und tritt eher bei (hellhäutigen) Weidetieren auf als beim Menschen.

Hypericin hat in Vergleichsstudien zu Sertralin (einem synthetischen Seratonin-Wiederaufnahmehemmer) sehr gut abgeschnitten. Die Liste der unerwünschten Wirkungen von Sertralin ist lang. Der Therapeut muss also abwägen, was für den Patienten das bessere Pharmakon ist (Nutzen-Risiko-Bewertung).

Bei Baldrian kennen wir seit etwas mehr als zehn Jahren einen Wirkmechanismus. Das enthaltene Olivil-Lignan bindet an den A1-Rezeptor im Gehirn und entfaltet so eine dem körpereigenen Adenosin ähnliche Wirkung. Adenosin ist an der Steuerung der Schlaf- und Wachphasen beteiligt. Die Wirkung von Baldrian bei Schlafstörungen ist durch klinische Studien hinreichend belegt, gerne eingesetzt wird die Pflanze in Kombination mit anderen beruhigenden Drogen wie Hopfen oder Melisse. Mögliche Kontraindikationen und Nebenwirkungen von Baldrian sind Allergien und ganz selten leichte Magen-Darm-Beschwerden. Das ist also sehr überschaubar.

Schlussbemerkung:
Mediziner setzen gerne Einzelwirkstoffe ein und haben nicht ganz unberechtigt auch etwas Angst vor dem Vielstoffgemisch Arzneipflanze. Nicht wenige Patienten in unserer immer älter werdenden Gesellschaft müssen ein halbes Dutzend Medikamente einnehmen. Das birgt schier endloses Wechselwirkungspotenzial. Ein Mediziner möchte aber verständlicherweise die Wirkung der verabreichten Substanzen möglichst genau kontrollieren können, weil er ohnehin schon auf genetische Unterschiede der Patienten achten muss. Das ist also durchaus rational erklärbar. Eine Entschuldigung für das Verbreiten falscher Informationen hingegen ist es nicht. Von einem Medizinprofessor kann man etwas mehr Sorgfalt erwarten.

Link zum Baldrian:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=26348

Link zum Johanniskraut:
http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=6990

Grundsätzliches zum Wechselwirkungspotenzial von Phytopharmaka:
http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=8159

Der Beitrag zur Salicylsäure:
http://welterbe-klostermedizin.de/index.php/blog/175-salicylsaeure-in-der-weidenrinde

Letzte Änderungen