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Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra L.) ist eine von vielen heimischen Pflanzen, bei der kulturhistorische und heilkundliche Aspekte über weite Strecken der Geschichte eng verknüpft sind. So spielte der Holunder früher in Mythen und Sagen eine große Rolle. Er sollte Haus und Hof schützen sowie den Menschen vor bösem Zauber bewahren. Selbst Krankheiten versuchte man, auf die Pflanze zu übertragen:
“Zweig ich biege dich,
Fieber nun laß mich;
Hollerast hebe dich auf,
Rothlauf setze dich drauf.
Ich hab dich einen Tag
Hab du’s nun Jahr und Tag.”

Karl Ritter von Perger ergänzte 1864:
“Wenn ein Fieberkranker ohne zu sprechen einen Hollunderzweig abbricht und in die Erde steckt, so bleibt das Fieber am Zweig haften und hängt sich an jenen, der zufällig dahin kommt, deßhalb soll man nie einen im Boden steckenden Holderzweig berühren.”

Am bekanntesten aber dürfte das Märchen von Frau Holle sein, die kleine weiße Blüten in Federn verwandelt und als Schnee auf die Erde fallen lässt. Dies geht vermutlich auf die germanische Göttin Holda oder Holla zurück, die Pflanzen und Menschen beschützte.

Doch auch das Christentum kennt den Holunder: So soll sich Judas an einem Holunderstrauch erhängt haben und in manchen Quellen ist von einem Kreuz aus Holunderholz die Rede, an das Jesus geschlagen wurde. So ist der Holunder sowohl als Baum des Heils als auch als Baum des Teufels überliefert.

holunder

Schriftlich belegt ist der Holunder in Europa bereits in den ältesten überlieferten Schriften, die sich der Medizin widmen: So beschreibt schon Hippokrates eine abführende Wirkung, was tatsächlich eine Nebenwirkung unreifer Früchte sein kann. Bei Dioskurides wird die Anwendung von Wurzel und Blättern beschrieben. Letztere verwendet auch Hildegard von Bingen als Räucherung während eines Dampfbades. Außerdem setzt sie für eine Schwitzkur Wein ein, in dem die Beeren eingelegt waren. Für eine schweißtreibende Wirkung nutzen wir mittlerweile die Blüten, gerne in Kombination mit der zweiten wichtigen schweißtreibenden Droge der Phytotherapie: Lindenblüten.

In der europäischen Medizingeschichte wurden in den vergangenen 2500 Jahren alle Pflanzenteile in der einen oder anderen Art verwendet. Neben den Blüten haben heute jedoch allenfalls die reifen und gekochten Beeren bzw. der daraus hergestellte Saft noch eine gewisse medizinische Bedeutung. In Blättern, Rinde, den unreifen Früchten, aber auch dem Samen der reifen Beeren ist das cyanogene Glycosid Sambunigrin enthalten, welches insb. bei Kindern und empfindlichen Erwachsenen zu Erbrechen und Durchfall sowie sogar zu Atemnot führen kann. Dies gilt ebenso für andere Säugetiere und auch bei Vögeln wurden Verdauungsbeschwerden nach dem Verzehr unreifer Früchte beobachtet. Wissenschaftlich anerkannt sind derzeit nur die Blüten zur Linderung der ersten Symptome einer Erkältung bzw. zur Besserung des Befindens bei Erkältungskrankheiten. Als Fertigarzneimittel im Handel sind Kombinationen mit weiteren Drogen in der Form von Säften, Tees und Tabletten erhältlich.

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Medizinagentur (EMA) hat die Erstellung einer Monographie für die Früchte 2014 abgebrochen. Im selben Jahr erschien in den USA eine Übersichtsarbeit, die Blüten und reife Beeren etwas näher beleuchtete. Neben Influenza werden dort folgende Indikationen als möglich, aber ohne ausreichende Evidenz genannt: Bakterielle Nebenhöhlenentzündung (verbesserte Wirkung von Antibiotika), Bronchitis, Verminderung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verstopfung, Zahnfleischentzündung, Störungen des Lipoproteinstoffwechsels und Übergewicht.

In den Tiefen des Internets werden auch Anwendungen bei Kopfschmerzen, Herpes, Asthma, Nierenleiden, Epilepsie, Syphilis, Alzheimer oder HIV propagiert, wobei es in letzterem Fall tatsächlich Hinweise darauf gibt, dass die Wirkung eines konventionellen Medikaments verbessert und somit die Viruslast verringert werden könnte. Propagiert wird außerdem die Anwendung als Schmerzmittel, zur Wundbehandlung (Umschläge), bei Hauterkrankungen und Brandwunden.

Rezept für Holunderblütensirup:
20 Holunderblütenrispen
2 unbehandelte Zitronen
1,5 kg Zucker
50 g Zitronensäure
1,5 l Wasser
Zubereitung: Die Holunderblüten unter kaltem, fließendem Wasser sorgfältig reinigen und anschließend abtropfen lassen. Falls vorhanden, die Stängel abschneiden. Die Zitronen in Scheiben schneiden und in ein Steingutgefäß geben. Die Blüten, den Zucker sowie die Zitronensäure hinzugeben. Das Wasser zum Kochen bringen und dann in die übrigen Zutaten rühren. Zugedeckt an einem kühlen Ort drei Tage ziehen lassen. Alles absieben, erhitzen, in saubere, verschließbare Flaschen füllen und gut verschließen.

Teerezepturen:
1. Erkältungstee
Tiliae flos conc. (Lindenblüten): 30 g
Sambuci flos tot. (Holunderblüten): 30 g
Filipendulae flos tot. (Mädesüßblüten): 20 g
Cynosbati fruct. conc. (Hagebuttenfrüchte): 20 g
Zubereitung: 1 EL Teemischung mit ca. 150 ml kochendem Wasser übergießen, 10 Min. ziehen lassen, abseihen. Mehrmals tgl. 1 Tasse frisch bereiteten Tee trinken.

2. Schweißtreibender Tee
Tiliae flos conc. (Lindenblüten): 30 g
Sambuci flos tot. (Holunderblüten): 30 g
Matricariae flos tot. (Kamillenblüten): 40 g
Zubereitung: 1 EL oder 1–2 TL Teemischung mit ca. 150 ml kochendem Wasser übergießen, 10 Min. ziehen lassen, abseihen. Mehrmals tgl. 1 Tasse möglichst heiß trinken, anschließend in Decken hüllen.

Literaturhinweise:
* Franz-Christian Czygan, Isolde Czygan: “Holunder - Eine uralte Kulturpflanze, historisch betrachtet von Karl Ritter von Perger.” Zeitschrift für Phytotherapie, Ausgabe 2/2008.
* Heinz Schilcher: “Leitfaden Phytotherapie.” Urban & Fischer.
* Catherine Ulbricht et al.: “An Evidence-Based Systematic Review of Elderberry and Elderflower (Sambucus nigra) by the Natural Standard Research Collaboration.” Journal of Dietary Supplements, 2014.

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