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Wenige Personen haben die Pflanzenheilkunde des 20. Jahrhunderts so nachhaltig geprägt wie Prof. Heinz Schilcher, der am 17. Juni 2015 im Alter von 85 Jahren verstorben ist. Von frühen Erfahrungen als Kind in den Gärten der Großmutter, der Mutter und der Tante bis ins hohe Alter - wir durften ihn im Oktober 2014 noch zu einem Vortrag nach Würzburg einladen - verschrieb er sein Leben ganz dem Studium der Heilpflanzen. Wie sein Lehrer Rudolf Fritz Weiss, den er liebevoll "Papa Weiss" nannte, begann auch er mit der Lektüre der Schriften von Sebastian Kneipp und Johann Künzle. Später vertiefte er sein Wissen mit den Bänden von Madaus und Hagers Handbuch sowie dem 1943 erstmals erschienenen Lehrbuch von Prof. Weiss. Er betonte aber auch gerne den Stellenwert, den die Schriften von Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr. bis 50 n. Chr.) für ihn gehabt haben.

Prof. Heinz Schilcher

Vor und nach dem Abitur 1950 absolvierte er mehrere medizinische und pharmazeutische Praktika, in denen er die Zubereitung und Wirkung von pflanzlichen Arzneimitteln erlernen und beobachten konnte. Aus dieser Zeit berichtete er noch später gerne und erläuterte auch die damals üblichen Rezepturen. Es folgte das Studium der Pharmazie und 1959 die Promotion mit einer Arbeit über das Wolfstrappkraut. Zudem studierte er vier Semester Medizin. Für einige Jahre war er in der Forschung tätig und hatte erste Stationen in der Industrie, woraus 1964/65 die weltweit erste Publikation für standardisierte Phytopharmaka hervorging (zu Kamille, Weißdorn und Johanniskraut).

Ab 1973 war Schilcher als Professor erst in Marburg, später in Tübingen und von 1983 bis 1995 in Berlin tätig. Zeitgleich pflegte er auch weiterhin Kontakte zur Industrie, wo er als Berater für Produktion, Entwicklung und Erforschung von pflanzlichen Arzneimitteln ein gefragter Experte war. Während seiner Laufbahn veröffentlichte er etwa 300 Publikationen und arbeitete an knapp 20 Lehr- und Handbüchern mit. Als sein Lebenswerk bezeichnete er den "Leitfaden Phytotherapie", an dessen 5. Auflage er bis zuletzt arbeitete.

Die Entwicklung der Medizin im 20. Jahrhundert bereitete ihm jedoch auch Sorge. So kritisierte er scharf, dass 1968 in der siebten Fassung des Deutschen Arzneibuchs mehr als 90 Prozent der Monografien zu Drogen und Drogenzubereitungen verschwunden waren, von 867 verblieben lediglich 77. Die Kommission E zur Erarbeitung von Heilpflanzen-Monografien, der er neben Prof. Weiss selbst angehörte, sah er zum Teil als willfährigen Partner dieser Entwicklung. Für ihn wurden zu viele traditionelle Anwendungen ohne genauere Überprüfung aus teils bürokratischen Gründen abgelehnt, er forderte mehr Achtung für diese teils Jahrhunderte alten Erfahrungen - auch zwecks der Ersparnis von Zeit und Kosten. Das entspricht ziemlich genau dem Gründungskonzept der Forschergruppe Klostermedizin und vielleicht verstanden wir uns deshalb so gut miteinander. Harsch kritisierte er die Herausnahme der meisten Phytopharmaka aus der GKV-Erstattung im Jahre 2004 und nannte es einen "gesundheitspolitischen Tiefschlag" und "großen Imageverlust bei den Anwendern".

Für die Zukunft forderte Prof. Schilcher ein Öffnen der Wissenschaft "aus dem Elfenbeinturm" und mehr Kommunikation bzw. Koordination zwischen nicht-akademischen Kräuterexperten und der wissenschaftlich orientierten Phytotherapie. Sein Ziel war es, das sehr große Wissen um Botanik und Tradition auf der einen Seite mit der naturwissenschaftlichen Expertise auf der anderen zu verschmelzen. An diesen Wunschvorstellungen, wie er selbst sie nannte, wollen wir in seinem Sinne weiterarbeiten und verneigen uns vor der Lebensleistung eines großartigen Mannes.

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