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Kein Arzt des Mittelalters erlangte so einen Ruhm wie Ali Ibn Sina, der in Europa Avicenna genannt wird. Um 980 in Afsana bei Buchara (heute Uzbekistan) geboren kam er bald nach Buchara, ein kulturelles Zentrum an der Seidenstraße. Hier herrschte ein liberaler Islam, der die Pflege von Literatur und Wissenschaft in griechischer Tradition zuließ. Avicenna studierte dort Rechtswissenschaft, Philosophie und Medizin. Vor allem setzte er sich mit Aristoteles auseinander. Über mehrere Stationen kam er schließlich in die persische Residenzstadt Rayy (sprich Rai), heute ein Vorort von Teheran, wo er Hofarzt wurde. Unzufrieden wechselt er zum Emir von Hamadan, wo er das Amt eines Wesirs (Ministers) bekam. Nach Kontakten mit dem Erzfeind Isfahan, wird er inhaftiert, kann jedoch nach Isfahan fliehen. Dort findet er die erhoffte Förderung und kann sein medizinisches Hauptwerk den ‚Canon medicinae‘ (Leitfaden der Medizin) fertigstellen. Bei einem Feldzug gegen Hamadan stirbt er 1037. Er wird dort an der Stadtmauer begraben. Heute befindet sich dort ein großes Mausoleum. Mit dem ‚Canon‘ gelingt es Avicenna das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit in einem einzigen medizinischen Werk zusammenzufassen. Noch heute genießt Avicenna im Iran ein so großes Ansehen, dass seine Schriften weiterhin studiert und seine Rezepte und Therapieanweisungen wissenschaftlich untersucht werden.

Auch die Forschergruppe Klostermedizin hat sich von Anfang an mit dem gigantischen Werk befasst. Im Jahr 2002 konnte ein Kontakt zu Professor Fariborz Moattar in Isfahan hergestellt werden. Er hat in Marburg Pharmazie und Pharmaziegeschichte studiert und war auch mehrere Jahre als Doktorand und Dozent in Marburg tätig. Deshalb spricht er fließend Deutsch. An der Universität Isfahan bekam er einen Lehrstuhl für Pharmazeutische Biologie, außerdem hat er zusammen mit ehemaligen Schülern die Pharmafirma „Goldaru“ (Pflanzenmedizin) gegründet, die ausschließlich pflanzliche Arzneimittel herstellt. Obwohl er offiziell bereits im Ruhestand ist, forscht er auch weiterhin an der Universität über Rezepte aus dem ‚Canon‘ Avicennas. Damit ist er ein idealer Gesprächspartner für Studien zur persischen Medizin.

Nach einigen Schwierigkeiten mit dem Visum – kurz vor der geplanten Reise hatten die USA mit ihren Verbündeten den Irak angegriffen - können wir am 1. Mai 2003 das Flugzeug nach Teheran besteigen. Mit dabei ist auch der Filmstudent Resa Asarschahab, der in Teheran aufgewachsen ist, aber seit acht Jahren in Hamburg lebt.
Am ersten Tag fahren wir gleich nach Rayy – einen Wirkungsort Avicennas -, wo wir in dem wunderschönen Basar den berühmten Kräuterhändler Mohammad Teghi Attarnadjads treffen wollen. Der 84jährige Mann steht immer noch in seinem kleinen Laden, der nicht einmal die Größe einer Autogarage hat. Er untersucht gerade den Unterarm eines Mannes mittleren Alters, der wegen schuppiger, trockner und juckender Haut zu ihm gekommen ist. Mohammad gibt ihm schließlich eine Paste mit Erdrauch. Erdrauch wird auch in Deutschland in der Erfahrungsheilkunde bei Hauterkrankungen wie Schuppenflechte eingesetzt. Nachdem noch mehrere tiefverschleierte Frauen den Rat des Kräutermannes eingeholt haben, können wir endlich mit ihm reden und seinen Laden genauer begutachten. Die drei Wände sind voll mit Gläsern, Schachteln und Dosen, auf dem Boden stehen Säcke mit getrockneten Kräutern und Wurzeln, Hennapulver und Schwefel. Auch Apothekergläser mit lateinischer Beschriftung finden sich. „Gentiana“ also Enzian, ist da zu lesen. Mohammad sagt er wirke verdauungsfördernd. Der Kräuterhändler, der zugleich auch Heilpraktiker ist, genießt zurecht den guten Ruf.

Schon am nächsten können wir Professor Moattar vor der Malek-Bibliothek, der Nationalbibliothek treffen, er hatte in Teheran zu tun. Richtige Schätze der arabischen Medizinliteratur finden wir aber erst in der Bibliothek des Parlaments (Madjles-Bibliothek). Dort ist – nach einigem Zögern – der Bibliothekar Professor Hari bereit, uns in einem Arbeitszimmer die wertvollen Handschriften zu zeigen. Der 76jährige weißbärtige Mann kommt noch täglich an seinen Arbeitsplatz. Ein Kräuterbuch aus dem Spätmittelalter ist besonders beeindruckend. Es ist mit Pflanzen- und Tierabbildungen versehen, die mit den schönsten illustrierten Kräuterbüchern Europas aus dieser Zeit mithalten können.

Auch eine Originalhandschrift des ‚Canon medicinae‘ ist hier vorhanden. Schnell wird deutlich, dass die in Europa benutzte Übersetzung, die Gerhard von Cremona mit einem Übersetzerteam um 1170 in Toledo angefertigt hat, den Text der Pflanzenkapitel stark kürzt. Wir werden aber trotzdem die lateinische Ausgabe weiter studieren, denn in dieser Textform hat der ‚Canon‘ die europäische Medizin beeinflusst. Von 1250 bis etwa 1600 musste sich jeder Medizinstudent vier Semester lang mit diesem Werk beschäftigen.

In der Universitätsbibliothek dürfen wir nach langem Bitten die Restaurationswerkstätte besuchen, in der gerade ein medizinisches Werk aus dem Hochmittelalter mit ganz frühen anatomischen Zeichnungen restauriert wird. Die Handschrift ist in die einzelnen Blätter zerlegt, so dass man jedes Bild sehr gut einzeln betrachten kann. Die Zeichnungen in schwarzer Tinte wirken noch etwas unbeholfen, aber Form und Lage der wichtigsten Organe sind bereits richtig erkannt. Die Fachkräfte werden in Berlin ausgebildet. Fast alle Geräte stammen aus Deutschland.

Nach einer Woche in der chaotischen 15 Millionenstadt fahren wir weiter ins 400 Kilometer entfernte Isfahan. Von dort machen wir mit Professor Moattar einen Ausflug ins „Weidental“. Mit dabei ist der Botaniker Iraj, der ein Stipendium für Universität Mainz bekommen hat. In einer kargen Gebirgslandschaft tut sich plötzlich ein blühendes Tal auf. Eine riesige Fläche von blühenden Kaisertulpen steht vor uns.

Wir sehen iranischen Baldrian, der auch gegen Magenprobleme und zur Wundbehandlung eingesetzt wird. Als wir einen Berg besteigen, kommen wir an winzigen Mandelbäumchen vorbei nur 30 bis 50 cm hoch, auch sie tragen gerade Blüte und noch keine Blätter. Das Frühjahr war sehr kalt gewesen. Oben angelangt sind, zeigt der Höhenmesser 2300 Meter über dem Meeresspiegel an. Wir sehen zum ersten Mal ‚Asa foedida‘, zu deutsch Stinkasant oder Teufelsdreck. Die Pflanze ähnelt entfernt dem Fenchel, hat aber wesentlich stärkere Stängel. Wenn man die Pflanze direkt über dem Boden abschneidet, tritt ein weißlicher, milchiger, zäher, klebriger Saft heraus, der einen scharfen Geruch verströmt. Dieser Saft wird schon in der Antike gegen Halsschmerzen eingesetzt, im Iran auch heute noch.

Isfahan ist eine der schönsten Städte des Orients. Der riesige Imam-Platz ist das Zentrum der Stadt, zwei herrliche Moscheen und der Königspalast beherrschen den Platz. Sie werden durch langgezogene Arkaden verbunden. Die große Fläche wird von Blumenbeeten und Wasserspielen belebt. Der Platz ist so groß, dass Kutscher bereitstehen um den Besucher zu einer Rundfahrt einzuladen.

Wunderschön sind auch die drei mittelalterlichen Brücken. Während man bei einer Brücke auf zwei Stockwerken den Fluss überqueren kann, ist in einer anderen auf Wasserhöhe ein Restaurant untergebracht. Bei jedem der vielen Pfeiler steht eine kleine Gruppe von Tischen wie auf Inseln. Um dorthin zu gelangen, muss man über große Steinquader das Wasser überqueren, die in das Flussbett eingelassen sind. So sitzt man unter den schattigen Brückenbogen, direkt neben sich das vorbeifliesende Wasser, auf diese Weise lässt sich der heißeste Tag aushalten.

Für den Besuch der Firma Goldaru muss man hinaus an den Stadtrand in ein tristes Industriegebiet. Sobald man jedoch die Tore des Firmengeländes durchschritten hat, ist es sofort vorbei mit der Tristes. Eine Mauer ist völlig von blühenden Passionsblumen überwachsen. Auf der anderen Seite befindet sich ein sehr schöner Kräutergarten. Kein Staub liegt auf dem Hof, alles ist freundlich und hell. Dieser positive Eindruck wird vom Innern der Gebäude noch übertroffen.

Wir bewundern eine liebevoll eingerichtete Drogensammlung, die auf einem Glasregel zwischen zwei Glaswänden aufgebaut ist. So können die getrockneten Pflanzenteile von allen Seiten begutachtet werden. Die meisten Geräte zur Untersuchung und zur Fertigung der Arzneimittel stammen aus Deutschland.

Eine Herzsalbe wird nach einem Rezept Avicennas aus Rosmarin hergestellt. Man arbeitet an einer pflanzlichen Entwöhnungskur für Opiumsüchtige. Ein weiteres aktuelles Projekt, für das noch Studien laufen, ist ein Mittel gegen Altersdemenz. Dabei wird Weihrauch die zentrale Rolle spielen. Auch hierbei kann man sich auf den ‚Canon‘ Avicennas berufen. Am nächsten Tag können wir einen Tierversuch mit Weihrauch an der Universität von Isfahan besuchen, den der Mediziner Professor Alaei leitet. Die Ergebnisse scheinen vielversprechend zu sein. Im Endprodukt soll zusätzlich zum Weihrauch Ginkgo hinzugefügt werden. Ginkgoextrakt wird auch in Deutschland zur Verbesserung der Gedächtnisleistung eingesetzt.

Zu einem Höhepunkt der Studienreise wurde eine Exkursion zu Nomaden, die noch nach alter Art im Zagros-Gebirge umherziehen und sich selbst versorgen müssen. Wieder begleitet uns Iraj, der ein großartiger Kenner der Iranischen Gebirgsflora ist.

Erst nach langer Suche können wir eine Gruppe finden, die uns sehr freundlich zwischen den Zelten begrüßt. Als sie erfahren, dass wir aus Deutschland gekommen sind, um ihre heilkundlichen Gebräuche kennenzulernen, ist die Begeisterung groß. Sofort sammeln einige Männer Kräuter, die direkt um die Zelte herum wachsen. Darunter wilder Thymian, der natürlich bei Husten eingesetzt wird. Erstaunlicherweise wird uns aber für eine Führung durch die Umgebung eine junge Frau mit Namen Habib, Mitte der zwanziger empfohlen. Sie führt uns zu einem etwa einen Kilometer entfernten Hügel, der von weitem wie eine große Steinhalde aussieht. Erst unmittelbar davor ist zu erkennen, dass hinter nahezu jedem Stein eine Pflanze wächst. Rotblühenden Salbei, iranischen Lavendel und schließlich Medizinalrhabarber finden wir dort. Den Rhabarber nutzen die Nomaden zu Frühjahrskuren, indem sie den Stängel roh essen. Mit großer Überraschung müssen wir aber feststellen, dass der Salbei keine Verwendung findet.

Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Isfahan geht es dann zurück nach Teheran, wo wir den Behörden zwei Tage lang das gesamte Filmmaterial zeigen müssen, bevor wir ausreisen durften. Neben dem Eindruck, dass Avicennas ‚Canon‘ tatsächlich im Iran weiterlebt, bleibt die Erinnerung an viele freundliche Begegnungen und an das iranische Essen. Wir haben über einen Monat lang immer nur sehr gesundes und bekömmliches Essen bekommen. Kaum jemand leidet hier an Übergewicht.

Die Reise nach Iran wurde vom ZDF zur Dokumentation „Die Ärzte der Kalifen“ verarbeitet.

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